{"id":1196,"date":"2025-10-29T17:57:33","date_gmt":"2025-10-29T16:57:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/?p=1196"},"modified":"2025-10-29T17:57:33","modified_gmt":"2025-10-29T16:57:33","slug":"die-schoenheit-vergangener-schriften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/die-schoenheit-vergangener-schriften\/","title":{"rendered":"Die Sch\u00f6nheit vergangener Schriften"},"content":{"rendered":"<p>Schriften aus vergangenen Zeiten begegnete ich zum ersten Mal bewusst in der Grundschule bei einem Klassenausflug zu einem kleinen \u00f6rtlichen erzbisch\u00f6flichen Museum, das neben anderen Dokumenten die Urkunde zur Gr\u00fcndung einer alten Abtei, in deren Mauern die Reliquien des Schutzpatrons der Stadt aufbewahrt wurden, erstmals ausstellte. Von der Abtei waren bereits seit Jahrhunderten nur noch die Katakomben \u00fcbrig, die Christen einst als Zufluchtsort gedient hatten, aber die Worte auf dem Pergament zeugten noch von dieser Zeit und verliehen ihr eine greifbare Realit\u00e4t. Weitere Exponate erz\u00e4hlten von mittelalterlichen Hoheitsk\u00e4mpfen, die die Stadt zwischen Bistum und Grafschaft gespaltet hatten. Die Geschichte war mir bekannt, aber diese perfekten Handschriften \u00fcbten auf mich eine Anziehung aus, die ich mit meinen 8 Jahren nicht begr\u00fcnden konnte. Dies war der Augenblick, in dem ich begann, mich f\u00fcr Geschichte und Arch\u00e4ologie zu interessieren und Museen als Ort des Genusses zu erfahren.<\/p>\n<p>Ein weiterer Museumsbesuch in der 5. Klasse zementierte dieses Gef\u00fchl, und wieder einmal war die Schrift der Grund dazu. Eigentlich wollte uns der Geschichtslehrer an einem praktischen Beispiel vor allem erkl\u00e4ren, was eine Bulle sei und welche Implikationen eine solche Urkunde mit sich bringen k\u00f6nne, aber ich gebe zu, dass ich \u2013 und das obwohl Geschichte eines meiner Lieblingsf\u00e4cher war \u2013 an diesem Tag kaum zuh\u00f6rte. Ich war von der Sch\u00f6nheit dieser Schrift auf dem Pergament so verzaubert, dass alles andere im Raum verschwand. Diesen alten Text zu sehen, ihn durch das Glas zu entziffern, war so unendlich anr\u00fchrend und ich sp\u00fcrte deutlich, dass sich in dieser Vitrine etwas Kostbares, auch jenseits der historischen Bedeutung Unersetzliches befand, das mir Ehrfurcht, Bewunderung und Liebe zugleich abn\u00f6tigte.<\/p>\n<p>Einige Jahre sp\u00e4ter wurde meinem Gro\u00dfvater, der zeit seines Lebens selbst\u00e4ndiger Buchhalter und Buchpr\u00fcfer gewesen war und als Solo-Selbst\u00e4ndiger \u2013 auch wenn der Begriff damals noch nicht erfunden war \u2013 in langen Nachtschichten f\u00fcr eine Reihe von Anw\u00e4lten, \u00c4rzten und Handwerkern die B\u00fccher gef\u00fchrt hatte, eine Festanstellung bei einem gro\u00dfen Gem\u00fcse-Gro\u00dfhandelskonzern angeboten, die er ob des Stresses des Selbst\u00e4ndigenlebens, des zuweilen kaprizi\u00f6sen Verhaltens seiner Kunden, seiner schwindenden Gesundheit und nicht zuletzt der Aussicht auf die Vorteile des Status als Leitender Angestellter und die damit verbundene sichere Rente nur allzu gern annahm.<br \/>\nAls er sein B\u00fcro ausr\u00e4umte, entdeckte ich zum ersten Mal die perfekten, mit Stahlfeder in violetter Tinte sorgsamst ausgef\u00fcllten Spalten der Kassenb\u00fccher, Journale, Kontob\u00fccher und wie diese ganzen riesigen Buchhaltungsfolianten auch immer hei\u00dfen mochten, von denen ich nicht das Geringste verstand, die mich aber durch die Gleichm\u00e4\u00dfigkeit, Perfektion und Sch\u00f6nheit der eng geschriebenen W\u00f6rter und Zahlen faszinierten.<br \/>\nAls ich selbst ein Jahrzehnt sp\u00e4ter als Studentin w\u00e4hrend der Sommerferien in einem Schreibwarengesch\u00e4ft arbeitete, das solche B\u00fccher verkaufte, zogen sie mich weiterhin magisch an, weil ich vor meinem inneren Auge die Zeilen und Kolonnen in der makellosen Handschrift meines Gro\u00dfvaters vor mir sah und wusste, wie zauberhaft die vollen Seiten eines Tages aussehen w\u00fcrden. Der Inhalt h\u00e4tte mich tats\u00e4chlich zu Tode gelangweilt oder angewidert, aber seiner Sch\u00f6nheit und der Vorstellung, wie die Tinte im Laufe der Zeit von der ersten bis zur letzten Seite verblassen und in dieser Ver\u00e4nderung von Vergangenheit und Geschichte berichten w\u00fcrde, konnte ich mich nicht entziehen.<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter forschte ich zu wissenschaftlichen Zwecken in Archiven und entdeckte die vielf\u00e4ltigsten Dokumente: Geburts-, Tauf- und Firmenregister, Kirchenb\u00fccher, Gildengr\u00fcndungsurkunden und Inventarlisten kunsthandwerklicher Betriebe \u2026 Allen gemein waren die vorbildlichen Handschriften, die die geistlichen und s\u00e4kularen Schreiber, Kanzleileiter, Vorsteher und sonstigen mit der F\u00fchrung solcher Listen und Protokolle betrauten Personen hinterlassen hatten.<\/p>\n<p>Ende der 1980er-Jahre schlie\u00dflich hatte ich die Gelegenheit, das T\u00fcbinger Stift zu besichtigen. Der M\u00f6nch, der sich unserer \u201eTouristen\u201c-Gruppe angenommen hatte, hatte wohl bemerkt, wenn auch ganz ohne mein Zutun, wie sehr ich mich f\u00fcr die Manuskripte interessierte. Am Ende der F\u00fchrung, nachdem er sich von unserem kleinen bunten Haufen verabschiedet hatte und sich alle in Richtung T\u00fcr begaben, holte er mich ein, nahm mich beiseite (ich dachte schon ganz erschrocken, ich h\u00e4tte unwissentlich etwas Falsches getan) und sprach mich an. Ihm sei aufgefallen, wie sehr ich die alten Inkunabeln bewundert h\u00e4tte, er wolle mir nun gern etwas ganz anderes zeigen, das ich sicher zu sch\u00e4tzen wissen w\u00fcrde. Verdutzt folgte ich ihm in einen relativ kleinen Raum, der nicht Teil der F\u00fchrung gewesen war. Ein junger Mann in einfacherer M\u00f6nchskluft, der ein Novize gewesen sein mag, trug auf Gehei\u00df seines \u00e4lteren Kollegen mit religi\u00f6ser Ehrfurcht ein gro\u00dfes, dickes und schweres, in Leder gebundenes Buch herein, das er vorsichtig auf einen gepolsterten und mit Brokat bezogenen St\u00e4nder legte und \u00f6ffnete. Die Seite, auf die ich nun blickte, stand in der Qualit\u00e4t der Handschrift, der Initialen und Buchmalereien dem Stundenbuch des Herzogs von Berry in nichts nach, und mir stockte der Atem. Ich tat alles, um nicht zu zeigen, dass ich so \u00fcberw\u00e4ltigt war, dass mir die Tr\u00e4nen kamen und ich dagegen ank\u00e4mpfen musste. Etwas so Sch\u00f6nes zu sehen, war ein unglaubliches Geschenk und zugleich irreal. Mir wurden Baumwollhandschuhe gereicht und es wurde mir angeboten, die Seiten umzubl\u00e4ttern, aber ich brachte diesen Mut nicht auf und bat den alten M\u00f6nch, dies f\u00fcr mich zu tun. Er erkl\u00e4rte mir geduldig jede Illustration, machte mich anekdotisch auf einen Fehler des Kopisten und die geschickte Korrektur und Kaschierung aufmerksam, \u00fcbersetzte f\u00fcr mich einige Passagen. Als er nach dem, was mir wie Sekunden vorkam und von mir aus noch Stunden h\u00e4tte so weitergehen k\u00f6nnen, verk\u00fcndete, er m\u00fcsse nun zur\u00fcck, waren zwanzig Minuten vergangen. Nun nahm ich schlie\u00dflich meinen ganzen Mut zusammen und ber\u00fchrte sozusagen zum Abschied mit der behandschuhten Hand die alte Seite.<br \/>\nAls ich mich wieder in der eisigen Februarluft wiederfand und feststellte, dass ich den Anschluss zu meiner Gruppe l\u00e4ngst verloren hatte, f\u00fchlte es sich so an, als w\u00fcrde ich aus einem Traum aufwachen. Diese Handschrift aus unmittelbarer N\u00e4he sehen, kurz ber\u00fchren zu d\u00fcrfen, geh\u00f6rt bis heute zu den anr\u00fchrendsten Erlebnissen meines Lebens.<\/p>\n<p>Diese Faszination hat niemals nachgelassen \u2013 und vermutlich ist diese unerkl\u00e4rliche Sch\u00f6nheit vergangener Schriften, auch wenn ich es nicht mit Sicherheit sagen kann, einer der Gr\u00fcnde, weshalb ich mich lange mit Geschichte und Kulturgeschichte auseinandersetzte, auch wenn ich mich l\u00e4ngst f\u00fcr den Text und die Literatur entschieden hatte. Und es ist sicherlich kein Zufall, wenn mein Briefpapier, meine Visitenkarten, meine Websites und Ver\u00f6ffentlichungen <a href=\"https:\/\/www.oldfonts.com\/\">Fonts verwenden<\/a>, die m\u00f6glicherweise als \u201eschlecht lesbar\u201c gelten und dem heutigen Geist digitaler Schlichtheit, Zug\u00e4nglichkeit und Plakativit\u00e4t widersprechen, aber an die unerreichte \u00c4sthetik alter Druckarbeiten aus Mittelalter, Renaissance und Barock erinnern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schriften aus vergangenen Zeiten begegnete ich zum ersten Mal bewusst in der Grundschule bei einem Klassenausflug zu einem kleinen \u00f6rtlichen erzbisch\u00f6flichen Museum, das neben anderen Dokumenten die Urkunde zur Gr\u00fcndung einer alten Abtei, in deren Mauern die Reliquien des Schutzpatrons der Stadt aufbewahrt wurden, erstmals ausstellte. 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