{"id":1161,"date":"2021-04-29T10:49:44","date_gmt":"2021-04-29T09:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/?p=1161"},"modified":"2021-04-29T10:50:23","modified_gmt":"2021-04-29T09:50:23","slug":"paper-matters-warum-text-papier-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/paper-matters-warum-text-papier-braucht\/","title":{"rendered":"Paper matters \u2013 Warum Text Papier braucht"},"content":{"rendered":"<p>Das papierlose B\u00fcro \u2026 Dieser vermeintliche Traum der 90er Jahre polarisiert noch immer. W\u00e4hrend einige bedauern, dass er nicht bis zur letzten Konsequenz verwirklicht wurde, und Papier mit unterschiedlicher Argumentation am liebsten aus allen Lebensbereichen verbannen w\u00fcrden, kehren manche einst Digitalbegeisterte nun reum\u00fctig zu analogen Kalendern oder Notizb\u00fcchern zur\u00fcck \u2013 aus den ebenfalls vielf\u00e4ltigsten Gr\u00fcnden. Tats\u00e4chlich ist die Polemik \u00fcberfl\u00fcssig und kontraproduktiv, denn sie \u00fcbersieht das Wesen des Papiers selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr und gegen Papier als Teil des Alltags spricht gleicherma\u00dfen viel und wenig. Papier wird vorgeworfen, eine schlechte \u00f6kologische Bilanz zu haben, weil zu seiner Herstellung viel Wasser verbraucht w\u00fcrde. Der Fu\u00dfabdruck, den ein Smartphone oder ein Tablet in Fertigung, Stromverbrauch, Serverressourcen und wiederum deren Bereitstellung mit sich bringen, wird dabei gerne vergessen \u2013 von den einfachen M\u00f6glichkeiten einer mehrmaligen Verwendung durch Up- oder Recycling auf der einen Seite und dem unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Aufwand f\u00fcr die Sortierung und Entsorgung der Komponenten auf der anderen Seite wird ebenfalls selten und h\u00f6chstens widerwillig geredet. Tats\u00e4chlich betr\u00e4gt die Lebensdauer eines Buches nachweislich mehrere Jahrhunderte, die einer Datei in ihrem Plastik- und Metallgef\u00e4ngnis w\u00e4re in Hardware und Software eher in Monaten anzugeben.<\/p>\n<p>Praktische Aspekte sind ein weiteres umstrittenes Feld. B\u00fccher im Reisegep\u00e4ck und als Wohnraumbelegungsfaktor werden gern mit der Handlichkeit eines eine komplette Bibliothek umfassenden Readers verglichen.<br \/>\nEine Zeitschrift muss nach einem Sturz aus zwei Meter H\u00f6he nur aufgehoben und nicht neu gekauft werden, w\u00e4hrend ein elektronisches Ger\u00e4t einen solchen Vorfall in den wenigsten F\u00e4llen \u00fcberlebt. Auf der einen Seite stehen in den beliebten Argumentationslisten gegen digitale Medien die Notwendigkeit und die Kosten f\u00fcr Stromzugang, funktionsf\u00e4hige Leitungen und Datentr\u00e4ger, auf der anderen Seite eine beinahe unbegrenzte Nutzbarkeit von Papier \u2013 Wildnis, einsame Insel, Mondschein und Kerze inklusive. Briefe k\u00f6nnen \u00fcber Jahrzehnte immer wieder gelesen werden, eMails sind verg\u00e4nglicher. All dies stimmt.<br \/>\nAuch im Berufsalltag bleiben die Waagschalen in einer etwa horizontalen Linie, die jedoch in Kategorien von Stressvermeidung dem Papier einen leichten Vorzug geben. Querverweise und Stichwortsuche sind am Computer zweifelsohne schneller durchzuf\u00fchren und ersparen stundenlanges Bl\u00e4ttern durch Berge von Akten. Andererseits scheint es wesentlich schwieriger, eine Papiermappe samt Inhalt aus Versehen vollst\u00e4ndig zu zerst\u00f6ren, als eine Datei durch einen zu schnellen Fingertipp unwiderruflich zu l\u00f6schen.<\/p>\n<p>Ist der Punkt gekl\u00e4rt, dass dieser Vergleich bestenfalls ausgeglichen ausgehen k\u00f6nnte und in Kategorien von Nachhaltigkeit und Lebensqualit\u00e4t letzten Endes wahrscheinlich doch Papier einen leichten Vorsprung aufweisen k\u00f6nnte, nimmt die \u00dcberlegung nach der Daseinsberechtigung von Papier eine andere Dimension an.<br \/>\nZu oft wird \u00fcbersehen, dass Papier in erster Linie Werkzeug des \u00e4sthetischen Ausdrucks und \u00e4sthetisches Element selbst ist.<br \/>\nUm dies zu begreifen, gen\u00fcgt es, sich ein wenig in anderen Bereichen umzusehen.<br \/>\nIn Museen geh\u00f6rt es zur Aufgabe von Kunsthistorikern und Restauratoren, nuanciert zu erw\u00e4gen und zu entscheiden, wie ein Bild eingerahmt, aufgeh\u00e4ngt und beleuchtet werden soll. Es finden dar\u00fcber Diskussionen, ja regelrechte Debatten statt, und diese Szenographie wird auch in Ausstellungsrezensionen und Kritiken von Galerien genau beurteilt und neben der Auswahl der Werke als Ma\u00dfstab f\u00fcr die Qualit\u00e4t einer Schau bzw. der Arbeit eines Kurators herangezogen.<br \/>\nIn erlesenen Restaurants wird nicht nur Wert auf Sauberkeit, Zutatenqualit\u00e4t und Zubereitung gelegt. Geschirr, Tischw\u00e4sche, Dekoration <strong><a href=\"https:\/\/osteriafrancescana.it\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">werden sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt<\/a><\/strong>, weil sie untrennbar zum kulinarischen Erlebnis geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Text geht es \u00e4hnlich.<br \/>\nOhne Papier fehlt dem Text \u2013 und sei er noch so sch\u00f6n \u2013 der passende Rahmen. Haptik, Geruch, Optik geh\u00f6ren zur Textrezeption mit dazu und sagen viel sowohl \u00fcber den Wert eines Textes als auch \u00fcber die Ideale desjenigen, der ihn pr\u00e4sentiert. Papier ist als Inszenierung Teil der Textbotschaft und in dieser Hinsicht durch nichts zu ersetzen. Ohne Papier ist der Text Fastfood \u2013 eine legitime Wahl, die aber nicht jedem schmecken muss. Eher als um pers\u00f6nliche Vorlieben und Bed\u00fcrfnisse geht es folglich um Werte und Priorit\u00e4ten. M\u00f6chten wir die Informationen als Tablette oder N\u00e4hrl\u00f6sung zu uns nehmen, sind uns lediglich Inhalt und Daten wichtig, mag Papier in der Tat obsolet sein, wie es dieser Anschauung nach jede Kunst sein muss. M\u00f6chten wir sie als besonderen Moment und vollst\u00e4ndiges, sinnliches Erlebnis genie\u00dfen, ist es unverzichtbar.<br \/>\nF\u00fcr das Papier gibt es also Anlass zur Hoffnung. Als kontingentes Material der textlichen \u00c4u\u00dferung darf es in unserer Zeit zu einem Luxusgut werden, das denjenigen vorbehalten wird, die es zu sch\u00e4tzen und zu bewerten wissen. Diese Entwicklung ist bereits im Handel zu erkennen. <strong><a href=\"https:\/\/twitter.com\/jacksons_art\/status\/1347513538596794371\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Papierkompendien<\/a><\/strong> zeugen von einer wiederentdeckten Sinnhaftigkeit und einer erstaunlich lebendigen, erfreulich kundigen und differenzierten Nachfrage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerade nun, da Einebnung vielerorts zum akzeptierten oder sogar empfohlenen gesellschaftlichen, geopolitischen und kommerziellen Modell wird, gewinnen Details des \u00e4sthetischen Ausdrucks, wie Papier es ist, deshalb an Bedeutung, weil nur sie allein als Garant einer letzten Individualit\u00e4t, Unabh\u00e4ngigkeit und Erhabenheit wahrgenommen werden. Die Ausnahme darf genossen werden \u2013 nicht mehr nur <strong><a href=\"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/papier-stift-positive-diskriminierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">als Hobby und als Spleen<\/a><\/strong>, sondern als aufrichtige, stille Leidenschaft f\u00fcr das, was wirklich z\u00e4hlt. Paper matters.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das papierlose B\u00fcro \u2026 Dieser vermeintliche Traum der 90er Jahre polarisiert noch immer. W\u00e4hrend einige bedauern, dass er nicht bis zur letzten Konsequenz verwirklicht wurde, und Papier mit unterschiedlicher Argumentation am liebsten aus allen Lebensbereichen verbannen w\u00fcrden, kehren manche einst Digitalbegeisterte nun reum\u00fctig zu analogen Kalendern oder Notizb\u00fcchern zur\u00fcck \u2013 aus den ebenfalls vielf\u00e4ltigsten Gr\u00fcnden. 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