Wohl temperiert – Rhythmus ist alles

Die eigene Handschrift fördern – Teil III

Bei Übungen zur Pflege oder Wiederentdeckung der eigenen Handschrift ist es wichtig, eine geeignete Schreibgeschwindigkeit einzuhalten.

Schon aus diesem Grunde ist das Abschreiben von Texten hier besonders sinnvoll. Während beim Schreiben von Briefen und Tagebucheinträgen die Hand dazu neigt, dem Fluss der sich aufdrängenden Gedanken nacheifern zu wollen, und ihr somit ein unnatürlicher, dem Wunsch nach einem sicheren und zügigen Festhalten flüchtiger Sätze nachkommender Rhythmus aufgedrängt wird, entsteht beim Abschreiben ganz von selbst ein gesundes Verhältnis zwischen Zeit und Schrift, durch das jeder herausbekommen kann, was er als seine persönliche Geschwindigkeit empfindet. Außerdem wird das Schreiben so zu einem Selbstzweck und ermöglicht eine konzentrierte und ablenkungsfreie Reflexion über den Vorgang und das Wesen des Schreibens an sich.

Grundsätzlich gilt: Die natürliche Schreibgeschwindigkeit des Einzelnen ist dann gegeben, wenn zum einen weder die Perfektion in Sinne von Schönschrift oder Kalligraphie angestrebt wird, zum anderen aber genau so wenig die Bewegung als hastig wahrgenommen wird. Wird der Augenblick des Schreibens als sinnlich und entspannend empfunden, ist die Geschwindigkeit meistens angemessen.
Zu stark verkürzte oder verkümmerte Über- und Unterlängen können ein Zeichen für zu schnelles Schreiben, übermäßig perfekte Buchstaben, ausgesprochen vorbildlich ausgeformte Sonderzeichen wie Umlaute, Satzzeichen usw. mitunter ein Indiz für übertrieben langsames Schreiben sein.

Durch das Herausfinden und Erreichen der schreibeigenen Geschwindigkeit wird gewährleistet, dass Buchstaben, Wortabstände und Zeilenverlauf einen Mittelpunkt, ein Gleichgewicht erhalten, um das jeder die persönliche Schreibtechnik verfeinern und weiterentwickeln kann.

Wundermittel Bleistift

Die eigene Handschrift fördern – Teil II

Der Bleistift hat keine Lobby – dient er doch primär dem Zeichnen oder Konzepten und Entwürfen. Auf der Suche nach der eigenen Handschrift sind Schreibübungen mit dem Bleistift allerdings regelrecht unentbehrlich.

Die Ursprünglichkeit dieses Schreibinstruments ist einer seiner größten Vorteile. Wer insbesondere oft mit schwereren Schreibgeräten wie Kugelschreibern größeren Durchmessers oder luxuriösen Füllfederhaltern schreibt, tut gut daran, wenigstens ab und zu den Weg zum Bleistift wiederzufinden.

Bleistifte sind leicht und dünn, so dass sie auch von feinmotorisch wenig Geübten nicht als belastend oder umständlich zu handhaben empfunden werden.

Was jeder aber insbesondere durch die Übung mit dem Bleistift wahrnehmen kann, ist der Druck.
Durch die Verwendung vieler für die eigene Hand oft ungeeigneter Schreibgeräte, wie wahllos gegriffene Werbekugelschreiber und dergleichen, verlernen viele, welchen Druck sie natürlicherweise auf das Papier ausüben würden. Die Verwendung eines Bleistifts gibt das Gefühl für den eigenen Scheibdruck zurück, der ein sehr wesentliches Schriftmerkmal ist.

Zudem wird das Schreiben mit dem Bleistift zu einem ausgesprochen sinnlichen Erlebnis, denn die Schrift wird durch das Streicheln, Kratzen, Gleiten und Führen der Grafitmine auf dem Papier deutlicher hörbar, als es mit den meisten anderen Stiften der Fall ist.

Wird der richtige Bleistift gewählt, wird die Übung durch weitere Faktoren vervollständigt. Hierbei empfiehlt es sich, auf eine etwas härtere Mine zurückzugreifen, als diejenige, die man üblicherweise verwendet würde. Grundsätzlich sollte die Härte HB als absoluter Grenzwert angesehen werden: Weichere Stifte sind für eine solche Übung in der Regel eher ungeeignet, da sie einen zu geringen Widerstand bieten, keine tatsächliche Wahrnehmung der Schreibbewegung und somit kein wirklich bewusstes Schreiben ermöglichen. Eben jener Widerstand, den das Papier gegen die Hand leistet, gehört zu den Erfahrungswerten, die für die Entwicklung oder Wiederentdeckung der eigenen Handschrift wesentlich sein können.

Mit dem Bleistift wird die Hand außerdem gezwungen, die Zeichen vollständig auszugestalten, was mit einem Füller oder einem Kugelschreiber aufgrund des Tintenflusses nicht zwangsläufig notwendig ist.

Zur Bewusstwerdung des Schreibvorgangs ist ein Bleistift also ein überaus nützliches Instrument.

Warum die Handschrift trainiert werden muss

Die eigene Handschrift fördern – Teil I

Im Laufe unseres Lebens verändert sich unsere Handschrift immer wieder und spiegelt auf diese Weise Erfahrungen, Erlebnisse, Gemütszustände, den körperlichen Alterungsprozess und – glaubt man zumindest der Graphologie – möglicherweise auch Charaktereigenschaften wider. Sie wird zwischen den ersten Schreibübungen in der Grundschule und den Zeilen, die wir im hohen Alter schreiben, erosionsartig geformt und gefestigt. Wird sie nicht benutzt – etwa wenn das Interesse für das Handschriftliche verloren geht oder, wie es in unserer Zeit naturgemäß immer häufiger der Fall ist, wenn immer mehr auch für private Notizen auf Tastaturen und Touchscreens zurückgegriffen wird –, verkümmert sie. Sie wird hastig und linkisch, schließlich wird sie als gänzlich fremd empfunden. Nicht selten klagen ältere Menschen darüber, dass ihnen die eigene Handschrift nicht mehr gefällt, oder dass sie den Eindruck haben, sie hätten das Schreiben regelrecht verlernt.→ weiterlesen

Neue Artikelreihe: Die eigene Handschrift fördern

Mit einer neuen Artikelreihe wird sich PAPIER – TINTE – SCHRIFT unter dem Titel „Die eigene Handschrift fördern“ in nächster Zeit mit den zahlreichen Aspekten eines erfolgreichen Handschrifttrainings beschäftigen, die in vielerlei Hinsicht durchaus Parallelen mit den aus dem Fitnessbereich bekannten Prinzipien aufweisen. Ziel dieser Serie ist es, Schreibwilligen und Interessenten ein Gefühl für das Phänomen Handschrift sowie praktische Tipps in Bezug auf Materialien und Übungsmöglichkeiten zu vermitteln.

Mythos Moleskine®?

moleskine1 Eigentlich ist es eher unscheinbar – ganz in schwarz gekleidet mit seinem unspektakulären Gummibändchen. Ein Notizbuch wie viele andere, könnte man meinen. Und doch umgibt es die Aura des Besonderen – dank einer geschickten Werbekampagne, die im Bereich der Papierwaren ihresgleichen sucht und es zum Kultobjekt erhob.

Dass nicht einmal eindeutig feststeht, welche der Künstler und Intellektuellen, die mit der Geschichte des Moleskine® in Verbindung gebracht werden, ein solches Heft verwendet haben und welche auf eines der zahlreichen ähnlichen Blöckchen mit Gummizug zurückgegriffen haben, die seinerzeit in großen Stückzahlen vertrieben wurden, ist inzwischen kein Geheimnis mehr.

Eine gründliche Demontage, wie sie immer häufiger versucht wird, ist allerdings übertrieben und völlig unnötig.
Auch wenn die Geschichte, auf der das Marketingprojekt des heutigen Herstellers Modo & Modo beruht, ein recht künstliches und bei näherer Betrachtung wackeliges Konstrukt ist, und Moleskine® erst Anfang dieses Jahrhunderts als Marke entstand – es gab in französischen Schreibwarenläden in den vierziger und fünfziger Jahren wirklich Hefte und Carnets, die mit einem damals als wertvoll und besonders schön empfundenen Stoff bezogen waren und sich durch die hervorragende Qualität von Papier und Verarbeitung, die Strapazierfähigkeit des Einbands und eine praktische hintere Falttasche auszeichneten. Sie mussten aufgrund der Feinheit des Stoffes in Handarbeit hergestellt werden und wurden dementsprechend zu märchenhaft hohen Preisen angeboten, was zu ihrem Untergang führte. Sie wurden allerdings nicht Moleskine® genannt, sondern „cahiers en molesquine“ oder „carnets en molesquine“. Die Cahiers hatten ein Format von wahlweise 24 x 32 cm oder 32 x 40 cm, und das Papier im Inneren war jeweils 120 g-Zeichenpapier oder das, was wir heute als Fotokarton bezeichnen würden. Beide Modelle wurden oft für Collagen, Einklebungen, Stickmustersammlungen oder Herbarien verwendet. Die Carnets entsprachen in etwa der heutigen Größe B5, das Papier war für das Schreiben mit der Feder hervorragend geeignet, und sie dienten als Tagebuch, Geschäftsbuch oder Notizblock. Noch zwei Jahrzehnte später genügte das Wort „molesquine“ allein, um auf das Gesicht der „einfachen Leute“ ein verträumtes Lächeln zu zaubern. Manch einer schwärmte davon, ohne ein solches Heft je in der Hand gehabt oder gar gesehen zu haben.

Kein Wunder also, dass es dem kleinen italienischen Verlag mühelos gelang, aus der Nostalgie eine Legende aufzubauen, die ganz unreflektiert rezipiert wurde und ausgesprochen erfolgreich funktioniert. Nur zu gern will man daran glauben, dass hier ein Stück Vergangenheit, das unwiederbringlich verloren schien, wieder da ist. Auch wenn die heutigen Hefte kaum noch etwas mit den damaligen gemein haben, tut es ihrer Popularität keinen Abbruch. Ein Moleskine® zu besitzen, ist einfach schick – aus welchen Gründen auch immer.

Mittlerweile hat die Fangemeine weitweite Ausmaße angenommen. Es gibt neben der eigentlichen Internetpräsenz verschiedene Communitys, Blogs, Photosammlungen, Projekte aller Art. Um dem Rechnung zu tragen, wird die Produktpalette immer wieder erweitert. Es gibt Kalender, Do-it-yourself-Reiseführer, Skizzen- und Partiturblöcke und vieles mehr – was dem Mythos Moleskine® sicherlich eher abträglich ist. Moleskine® ist der Beweis, dass das kollektive Bewusstsein sich nach den intellektuellen Märchen sehnt.

Fakt ist: Das Papier des heutigen Moleskine® vermittelt ein angenehmes und erholsames Schreibgefühl, die Hefte sind praktisch und ästhetisch klassisch. Die Einheitlichkeit des Einbands ermöglicht die Nutzung über Jahre hinweg als Sammlung. Und das um das Produkt aufgebaute Marketing-Gerüst führt dazu, dass auch die junge Generation wieder zum Stift anstelle der Tastatur greift. Somit ist die Moleskinemania zweifelsohne eine der besten Erscheinungen, die Werbung und Snobismus gemeinsam zu Tage gebracht haben.

Axel Malik – Die skripturale Methode

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Seit 1989 schreibt er. Täglich. Auf Papier, auf Blätter, die er zu Tagebüchern bindet, auf lange Nesselbahnen … Mit Tinte, mit Acryl … Er schreibt unaufhörlich. Neuerdings nicht mehr nur schwarz auf weiß, sondern auch weiß auf weiß und schwarz auf schwarz.

Wenn Axel Malik von seinem Kunstprojekt „Die skripturale Methode“ erzählt, redet er von Zeichen und von Bewegung. Aber es geht hier weder in der Entstehung noch in der Rezeption um den sinnlichen Ansatz der modern-kalligrafischen Individualisierung, noch um den introspektiven, ja psychoanalytischen Selbstversuch eines André Breton.
Es geht um Dynamik, um die Reflexion über die eigenen Schreibbewegungen, um die im Augenblick des Schreibens aufkommende, erspürbare Spannung. Während die geschriebenen Linien in ihrer Regelmäßigkeit ruhige und ästhetische Harmonie vortäuschen, ist der Strich nervös fokussiert, doch nicht zerstörerisch hastig – eher zwanghaft fragend, rastlos und aufmerksam suchend.

Axel Malik schreibt nicht, um „etwas“ zu schreiben. Er schreibt, um der Schrift Raum zu geben, um sie jenseits der Zwänge von Graphemen, Stimmungen und Absichten freizusetzen und frei zu setzen, um ihr ihre ganze Ursprünglichkeit zurückzuschenken, um auf sie zu horchen und sie in ihrer eigentlichen Sprache zu Wort kommen zu lassen, um sie zu erleben.
Hier werden keine Glyphen oder sonstigen bekannten Zeichen verfremdet oder künstlerisch distanziert auf eine andere Ebene transponiert. Axel Malik erfindet keine neue Schrift im Sinne eines Codes, keine Logogramme, kein System. Im Gegenteil.
Er lebt die Freilegung und Verwirklichung der Reinen Schrift.

Frei, nackt, bloß – bar von Inhalten und zielgerichteten Aufgaben wird die Schrift sowohl als Ästhetikum in seiner reinsten Form greifar, wenn man die Werke von weitem betrachtet, als auch aus der Nähe angaffbar und sezierbar, und gewinnt auf diese Weise ihre Unschuld zurück.
Die Einhaltung von geraden Linien ist kein Tribut an die Tradition, kein Kompromiss, keine Konvention. Sie ist Respekt, Demut und Halt. Es ist die Selbstdisziplinierung des Künstlers, der sich vollständig zurücknimmt, die der Schrift zu einer losgelösten, in dieser Hinsicht profund authentischen Identität jenseits aller Sprachen verhilft und als Mittler einer wahren Schrift fungiert.

Die Analysierbarkeit liegt nicht in Textualitäten, sondern in der Erfahrbarkeit des Schriftstrichs. Lesbarkeit bedeutet hier Erfühlbarkeit von Geschwindigkeit, Abschreitbarkeit von Prozessen – für den Künstler wie für den Betrachter.
Nicht nur visuell. Auch akustisch.
Der Klang beruht allerdings nicht auf dem Wandel von Graphemen zu Phonemen. Dieser ist nicht möglich. Aber die Geräusche, die bei den Setzungen entstehen und in den Installationen mitunter als Hörmaterial zur Verfügung stehen, machen den Prozess auf jeder Ebene der Sinne erlebbar und verdichten sogar das Zeitkonzept des Schreibens. Der Schrift zuhören sollen Besucher genau so, wie Axel Malik es selbst beim Schreiben tut.

Man ist leicht versucht, seine Werke als Bilder zu bezeichnen, denn das Ergebnis dieser Suche nach der absoluten Erfahrbarkeit eines jeder Intendierung beraubten Schreibprozesses ist auch ohne den Hintergrund der künstlerischen Absicht durchaus ein hoch ästhethischer Genuss. In der Tat bilden die Setzungen optische Einheiten aus Seiten, Bahnen, Friesen, Blow Ups, die Zeichen erscheinen in Familien gruppiert.
Und doch entzieht sich seine Kunst auch hier der Begrifflichkeit – nicht zuletzt, weil die Skripturen sowohl einzeln als in ihrer zeitlichen Reihenfolge und auch im Vergleich zueinander gesehen werden können und sollten: „Die skripturale Methode“ ist ein nie abgeschlossenes Projekt und sollte als solches begriffen werden.

Für weitere Informationen:
www.die-skripturale-methode.de
www.galerielindehollinger.de

Papier – Tinte – Schrift dankt ausdrücklich und sehr herzlich Herrn Malik für seine außergewöhnliche Freundlichkeit und Gesprächsbereitschaft und für seine Unterstützung im Rahmen der Redaktion dieses Artikels durch die Bereitstellung von Katalogen und Abbildung.
Der Dank geht ebenfalls an die Galerie Linde Hollingen, die den Künstler vertritt und den Kontakt zu Herrn Malik auf ausgesprochen unbürokratische Weise ermöglicht hat.

Urheberrechte für die Abbildung liegen bei Axel Malik.

Réglure Seyès – Lineatur für eine ganze Nation

seyes3Von der ersten Klasse an kennt sie jeder Schüler. Ganz gleich ob unter dem Namen „rayures Seyès“ oder auch noch als „grands carreaux“ – die „réglure Seyès“ ist in Frankreich allgegenwärtig und die meistverkaufte Lineatur.

Ihr Siegeszug beginnt im ausklingenden 19. Jahrhundert und steht zunächst in unmittelbarem Zusammenhang mit der 1882 eingeführten Schulpflicht und den neuen, hiermit verbundenen Anforderungen an Schüler und Lehrer. Eines der zentralen Ziele der Bildungspolitik ist von nun an die Vermittlung optimaler und gewissermaßen normierter schriftgrafischer Fertigkeiten an eine explosionsartig gewachsene Anzahl von Schülern. Die Schrift soll bestimmte, als typisch französisch empfundene Proportionen, Über- und Unterlängen aufweisen. Die Pflege der Handschrift, ja der Schönschrift, entspricht nicht nur den in dieser Zeit allgemeingültigen pädagogischen Vorstellungen von Disziplin und Ordnung, sie gehört auch zum Instrumentarium der Nationalpolitik und der Bürgererziehung – demonstriert sie doch bis hin zum Alphabet die Einzigartigkeit der französischen Kultur und die Festigkeit und Überlegenheit des französischen Bildungskanons.
Werkzeug dieser Bestrebungen wird das von dem Papierwarenhändler Jean-Alexandre Seyès entwickelte und 1892 beim Gericht zu Pontoise als Muster eingetragene Papier.
Für die Lehrkräfte bedeutet diese Neuerung in erster Linie eine enorme Arbeitserleichterung. In Klassen von nunmehr über 50 Schülern ist es nicht mehr möglich, das Erlernen des Schreibens einzeln zu kontrollieren und durch Führen der Hand zu steuern, wie es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch üblich war. Die Réglure Seyès bietet eine Vielzahl von Orientierungspunkten in horizontaler und vertikaler Richtung und ermöglicht es so, vom Lehrerpult aus für alle verständliche und eindeutige Anweisungen zu Längen und Größen zu geben. Für die Grundschulen stehen Wandtafel-Klappflügel mit dieser Lineatur zur Verfügung, die Vorschreiben und Nachahmung vereinfachen.

Aus den praktischen, bildungspolitischen und nationalistischen Erwägungen entwickelte sich aber bald und ganz ohne Zutun gesetzlicher Vorschriften, die in der Tat bis heute noch Bestand haben, eine ungewöhnliche Liebes- und Erfolgsgeschichte, deren Ende nicht abzusehen ist.
Die französische Lineatur ist längst nicht mehr nur eine Lernhilfe für ABC-Schützen. Vom Gymnasium bis zur Universität, aber auch mitunter im Erwachsenenalter ist sie die beliebteste und meistverwendete Lineatur – lediglich den Bereich der Geschäftskorrespondenz hat sie nicht erobert. Diese Popularität wächst sogar weiterhin stetig: Notizblock-Hersteller wie Rhodia, die noch vor 25 Jahren nur Blankoblöcke mit beiliegendem Linienblatt oder karierte Collegeblöcke anboten, haben inzwischen ein beachtliches Sortiment an „Grands carreaux“-Produkten.

Mit dem Zusammenwachsen Europas hat die Réglure Seyès nach und nach auch in andere Länder Einzug gehalten – wenn auch in bescheidenem Maße – und wurde zum Beispiel Mitte der 80er Jahre in Deutschland bei Studenten und Akademikern kurzzeitig zum trendigen Accessoire. Mittlerweile bieten auch New Yorker Geschäfte etliche Hefte, Blöcke und Ringbucheinlagen mit „French Ruling“ an, die insbesondere bei Liebhabern und Sammlern exklusiver Schreibwaren reißenden Absatz finden.

Das Buch der Blogger – zurück zur Schrift

bloggerbuch Ein überaus reizvolles und intelligentes Projekt beschäftigt zur Zeit die Bloggerwelt. Es geht um die Rückkehr zur Schrift in ihrer ursprünglichsten Form.

Das Prinzip ist einfach. Von Berlin aus soll ein Moleskine-Buch an freiwillige und ausgesuchte Teilnehmer verschickt werden, in dem Blogger sich jeweils auf einer Seite mit Gedanken, Kritzeleien, Collagen, und was ihnen sonst einfällt oder wichtig ist, verewigen dürfen. Das Buch wird dann einer gesteuerten Liste folgend von Blogger zu Blogger weiter verschickt werden, idealerweise bis es vollgeschrieben oder -gezeichnet an den Initiator zurückgesendet wird, um dann für einen guten Zweck versteigert zu werden. Bloggen offline und gemeinschaftlich.

Was so unter dem Namen BUCH DER BLOGGER präsentiert wird, ist nicht nur ein faszinierendes Experiment – erinnert es doch in gewisser Hinsicht an die von Klaus Hömberg im Frankfurter Museum für Kommunikation 2001 präsentierte Sammlung „DIN ART 4 – 560 Künstler und ein Formular“ –, sondern auch Grund zu Optimismus. Auch in virtuellen Zeiten ist das Handgeschriebene also nicht ganz vergessen. Ganz im Gegenteil findet die Idee in den relevanten Foren, die bekanntlich eher von den jüngeren Generationen besucht werden, großen Zuspruch: Die Anzahl der Bewerber und Interessenten steigt täglich, der Erfolg scheint zum Greifen nah.

Auch das gewählte Medium ist nicht gerade für die im Allgemeinen hier angesprochene Altersgruppe typisch: Die Entscheidung fiel ausgerechnet zugunsten des legendären und zeitlosen Moleskine-Hefts, das somit, nachdem es in den letzten Jahren allzu häufig zum demonstrativen Ausdruck modebewussten Snobismus‘ wurde, hier zu seiner eigentlichen Bestimmung zurückfinden kann. Hemingway würde es uns danken.

Als positiv zu verzeichnen ist ebenfalls, dass die Kommentare und Bewerbungen, die auf der Homepage eingehen, mitunter von einer im Web 2.0 ansonsten verloren gegangenen stilistischen Qualität und einem ungewohnten Sprachwitz zeugen.

Dem Projekt sind rege Beteiligung und ein glücklicher Abschluss zu wünschen. PAPIER-TINTE-SCHRIFT wird weiterhin darüber berichten.

Bild: Marcus O. Mielke – mit freundlicher Genehmigung

Montmorillon – eine Stadt widmet sich dem Schrifttum

Es könnte ein verschlafenes Städtchen in der tiefsten französischen Provinz sein – ein Ort wie viele andere, die sich an dem malerischen Flüsschen Gartempe entlang schmiegen. Es könnte von der schönen und ruhigen Landschaft, von den zahlreichen alten Gemäuern und der guten Küche des Poitou zehren. Es könnte sich an der eigenen Abgeschiedenheit erfreuen, sich trotzig der Globalisierung verweigern oder sich bewusst als Fluchtort für Aussteiger, Meditationshungrige und Naturliebhaber positionieren.
Doch das im Jahr 2000 hier gestartete Projekt ist mehr als nur ungewöhnlich und mutet in Zeiten virtueller Realität märchenhaft unwirklich an. Die sorgsam restaurierte mittelalterliche Altstadt ist einem einzigen Thema gewidmet: dem geschriebenen Wort.

Die Herausforderung hätte durchaus scheitern können. Aus einer gut gemeinten Initiative hätte schnell eine ungeschickte touristische Anbiederung werden können. Dass Montmorillons historisches Viertel weder zu einem peinlichen Sammelsurium von halbherzigen Antiquaren und gelangweilten Buchtrödlern noch zu einem kitschischen, rummelplatzartigen Bookland mit aufdringlichen Maskottchen und dröhnender Musik wurde, verdankt es nicht nur beeindruckenden Investitionen, einer systematischen, intelligenten und fundierten Planung und einer beispiellosen PR-Arbeit, sondern auch und vor allem einer typisch französischen Eigenschaft: der bedingungslosen Bewunderung und Liebe zu allem Schriftlichen.

Das zentrale Thema ist nicht nur das Buch – wenngleich mittlerweile zwölf Bouquinisten dort ihren Standort eröffnet haben. Ebenso im Mittelpunkt steht der ästhetische Aspekt des Schrifttums in all seinen Facetten. Kalligraphieateliers, Restaurierungswerkstätten, Buchmaler bieten ihre Werke zum Verkauf an und laden zu Workshops und Vorführungen ein. Regelmäßig werden Ausstellungen veranstaltet – und der mittelalterliche architektonische Rahmen verleiht der Atmosphäre eine zusätzliche Glaubwürdigkeit, die von der Modernität der Mittel nur noch unterstrichen wird. Häuser und Straßen sind rührend gepflegt, Ausstellungsvitrinen, Displays und Tresen im als „La Préface“, also „das Vorwort“, bezeichneten Empfangsgebäude entsprechen den neuesten Standards und zeugen von höchster Professionalität. Aus dem bis ins kleinste Detail durchdachten Konzept wurde eine eigene Welt. Die Cité de l’Ecrit ist kein Museum, sie ist eine lebendige Oase des Schreibens.
Hier türmen sich keine immergleichen verstaubten Bücherberge, hier werden die Schönheit des Geschriebenen und die wirklich empfundene Leidenschaft für Papier, Tinte und Schrift überzeugend und schlüssig gelebt.

Der Erfolg gibt dem Wagnis recht. Das Interesse sowohl von Schreibkünstlern und Antiquaren als auch von Touristen und Buchliebhabern ist auch nach neun Jahren ungebrochen. Und es ist Montmorillon zu wünschen, dass sich Investoren auch weiterhin von dieser magischen Welt werden begeistern und überzeugen lassen.